Frieda über ihren ESC in Bulgarien

Frieda über ihren ESC in Bulgarien

Der “European Solidarity Corps” oder bis 2016 der “European Voluntary Service” wurde von der Europäischen Kommission ins Leben gerufen, um jungen Erwachsenen zwischen 18 und 30 Jahren die Möglichkeit zu geben, Europa kennenzulernen und ihren Teil zur Entwicklung einer für sie wünschenswerten Gesellschaft beizutragen. Nicht nur 27 politisch europäische Länder, sondern auch vier Nachbarländer auf dem europäischen Kontinent bieten ihrer und ausländischer Jugend aus Europa die Möglichkeit an, intereuropäische Erfahrungen im sozialen, ökologischen, kulturellem oder politischen Bereich zu sammeln.

Zu vergleichen sind diese Projekte mit dem “Freiwilligen sozialem/ kulturellem/ ökologischem Jahr”, der deutschlandweit von verschiedensten Institutionen angeboten wird, sowohl bezüglich der behandelnden Themen, als auch der Arbeitszeiten, Anforderungen, Dauer und finanziellen Entschädigung. Dagegen ist der “ESC” international von der EU unterstützt, das “FSJ” regional und überregional von Deutschland.

Ich bewarb mich 2021 nach meinem Abitur bei verschiedenen Angeboten auf der ESC- Webseite, vor allem bei sozialen und ökologischen Projekten in Ländern mit slavischer Sprache. Hauptgründe für diese Entscheidung waren vor allem das Interesse, neue Sprachen zu lernen und Kulturen zu erleben. Schnell baute sich der Kontakt zu mehreren Organisationen auf, unter anderem zu der NGO “Building a community” in Shipka, in der Mitte Bulgariens. Letzten Endes überzeugte mich bei beiden Skype-Vorstellungsgesprächen das Engagement und die Dynamik der kleinen Freiwilligengruppe und knapp einen Monat später fuhr ich nach Bulgarien.

Dinge, auf die man sich beim ESC verlassen kann:

- Legitimierte Organisationen

- Finanzielle Unterstützung oder gesamte Übernahme aller Kosten

- Chancengleichheit für verschiedenste Nationalitäten, Geschlechter und Persönlichkeiten

Dinge, auf die man bei der Wahl des Projektes achten sollte:

- Persönliche Präferenzen und Ziele

- Zeitraum und Ort

- Gruppendynamik (Schließlich wird man die nächsten Monate dort arbeiten oder sogar wohnen)

Unterstützung in Vorbereitung und einen deutschen Ansprechpartner fand ich in der Organisation “PJR Dresden”, die schon öfter mit besagter Organisation zusammengearbeitet haben.

Als ich nach 27 Stunden Busfahrt in Sofia ankam, hatte ich erst einmal einen halben Nervenzusammenbruch, da es im gesamten Bahnhof kein Internet gab, niemand Englisch sprach und ich keine Ahnung hatte, wo und wann der nächste Zug nach Kazanlak abfahren würde, aber nach einer Pizza und dem gefundenen Bahnsteig (Sofias Hauptbahnhof hat nur ungefähr ein Dutzend Gleise, also war es nicht ganz so beängstigend wie zum Beispiel in Deutschland) war es wieder einigermaßen okay. Ich hatte mich bewusst für ein ökologischeres und längeres Transportmittel als den Bus entschieden, denn ich wollte mehr von Europa sehen, die Entfernung wertschätzen und umweltschonender Reisen.

Für die Hinfahrt:

- Welcher Zeitraum, welches Verkehrsmittel, welcher Preis? (Die Europäische Union übernimmt einen gewissen Teil bis zu einem bestimmten Betrag, ich musste aber dennoch draufzahlen)

- Womit wirst du die Reise im Land fortsetzen? Ich für meinen Teil würde im Nachhinein, wenn man die Sprache nicht spricht, empfehlen, sich vorher schlau zu machen oder einige Sätze aufzuschreiben, um meine Situation zu vermeiden

- Eventuell wäre es schlau, Geld in der jeweiligen Landeswährung mitzunehmen, wenn dieses nicht den Euro etabliert hat.

Meine persönliche Packliste (Im Nachhinein):

- Klamotten: Für ca. eine Woche an die jeweiligen Bedingungen angepasst, evtl. Sport-, Schlaf- und Ausgehsachen, allerdings muss es wirklich nicht mehr sein als ein Outfit pro Situation, 2 Handtücher und ein Set Bettwäsche

- Elektronik: Handy, Ladekabel, Kopfhörer, Laptop

- Bücher: Nein (Ich habe bis jetzt noch kein einziges von meinen gelesen)

- Hygiene: Ich benutzte hier nur Shampoo, Seife, Zahnpasta und – bürste, Haarbürste, Menstruationstasse und Deo. Also keine Schminke, Pflegeprodukte o.ä.

- Sonstiges: Keine Erinnerungen (schau ich mir eher nicht an), Wanderzeug (weil meine Mitvolunteers gerne wandern gehen und das für Festivals super praktisch ist)

- Gastgeschenke: VIEL (sagen meine Mitvolunteers), eine Süßigkeit pro Person + ein Gesellschaftsspiel (sage ich)

Reiserucksack mit Powerbank, Handy, Kopfhörer, Zahnbürste, Essen (hauptsächlich Schokolade) und Trinken

Zuerst empfand ich die ungewohnte Situation als erschreckend und einschüchternd. Es war Abend, als ich endlich in Schipka ankam und es war überwältigend komisch und neu, zum Beispiel gab es keine Heizung, alle aßen draußen und das Toilettenpapier wurde kompostiert statt ins Klo geschmissen (hört sich eklig an, geht aber voll klar). In diesem Projekt lebe ich mit der Leiterin Tanja, ihrer achtjährigen Tochter Boudicca, den Haustieren Sara, der Hündin und Monkey und Shara, den Katzen und den Volunteers Tami, Majá und Hugo in einem Haus. Aufgaben sind unter anderem, in Boudiccas Schule auszuhelfen, den Selbstversorgergarten zu betreuen und im Gemeindehaus und Museum in Shipka verschiedenste Arbeiten zu erledigen. Zusätzlich kümmern sich alle Bewohner des Hauses um die Tiere und um den Haushalt, gehen Einkaufen und Kochen abwechselnd. Nach etwa zwei Wochen fühlte ich mich einigermaßen angekommen und fing an, die Zeit richtig zu genießen.

Über das Museum und das Gemeindehaus

Im Gemeindehaus und im Museum vollbringen wir hauptsächlich Renovierungsarbeiten, pflegen die angrenzenden Gärten oder helfen, Ausstellungen vorzubereiten. Letzens haben wir zusammen Seife gekocht und theoretisch gibt es neben dem Museum ein angrenzendes Café, was wir betreuen könnten, aber dafür gibt es momentan nicht genügend Volunteers. Manchmal gibt es wochenlang keine Arbeiten in den Institutionen und dann ist man eine oder zwei Wochen täglich dort, um Dinge zu erledigen. Erst letztens hatte das Gemeindehaus 160-jähriges Jubiläum und wir haben Wochen damit zugebracht, alles auf Vordermann zu bringen.

Über den Haushalt

Schwieriges Thema, gerade, weil wir mit der Betreuerin in einem Haus leben. Sie ist der Meinung, wir tun zu wenig, aber wir sind das nicht. Zwischen einem Volunteer und ihr gab es sogar mal eine richtige Fehde deswegen, aber das hat sich einigermaßen geklärt. Die Aufgaben sind eingeteilt in Badezimmer, Küche, Esszimmer und Wohnzimmer, weil wir eine relativ große Unterkunft haben, jeder hat sein eigenes Zimmer, das ist nicht zwangsläufig normal in anderen Projekten.

Über die Tiere

Wie gesagt hatten wir von Anfang an einen Hund und zwei Katzen, die eigentlich Tanjas Verantwortung waren, aber eigentlich macht jeder gleich viel für sie, weil sie als Koordinatorin meistens von morgens bis abends Termine hat. Wir füttern sie morgens und abends, mit dem Hund gehen wir zweimal pro Tag Gassi.

Weiteren Zuwachs bekamen wir schon in meiner zweiten Woche durch 10 Hühner, die allerdings jetzt nur noch sieben sind (das ist normal bei so kleinen Dingern aus eher semioptimaler Haltung [sagt Hugo]). Morgens um fünf müssen sie aus dem Stall und abends wieder rein, dazu zwei Fütterungen pro Tag.

In meiner fünften Woche fand ich einen Welpen auf der Straße und brachte ihn mit nach Hause. Für ihn sind es nochmal zwei Fütterungen pro Tag plus Spielzeit plus sehr viele Arztbesuche zur Behandlung von Krätze und den notwendigen Impfungen plus Suche nach einer neuen, beständigen Familie.

Ein paar Tage nach dem Welpen kam ein Kätzchen zu uns, das offenbar seine beste Freundin war und mit dem Welpen in seiner Hundehütte schläft. Füttern müssen wir sie trotzdem separat.

Dazu kommt das Kochen des Essens für Hunde und Katzen (wir geben ihnen abwechselnd Trockenfutter und gekochtes Huhn mit Reis) und die emotionale Aufmerksamkeit für alle Tiere.

Allein die Tiere können also schon einige Stunden in Anspruch nehmen.

Über den Garten:

Mindestens ein- bis zweimal die Woche müssen wir im Garten arbeiten, Unkraut jäten, Gemüse und Obst pflanzen, Mulch verteilen, Gießen, Kompost betreuen (vor allem den “Hot compost”), neue Beete aus Brennesselfeldern herausschlagen, Gemüse und Obst ernten und Beete nach Benutzung begrünen. Dabei lernen wir viel über das Gleichgewicht der Natur, Permakultur, die Essbarkeit und Bedürfnisse vieler verschiedener Pflanzen, die biochemischen Reaktionen der Umwelt und dass man immer eine Hose mit dreckigen Knien haben wird. Es ist vor allem mit der Sonne im Nacken keine sehr angenehme, aber dafür sehr ertragreiche Arbeit. Nicht nur sitzt man am Ende des Tages mitten in einem blühenden Paradies, man isst dabei auch noch frische Kirschen, Maulbeeren, verschiedenste Salate, Tomaten, Spargel, Möhren, Kartoffeln, Äpfel, Nüsse, Beeren, Gurken und vieles mehr frisch vom Baum/ Strauch/ Feld.

Über die Grundschule:

Als ich das erste Mal in die Schule kam, musste ich fast weinen, weil der Unterschied zwischen den “normalen Schulen” und dieser so gigantisch war: Es waren insgesamt zwölf Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren in einer großzügigen, offenen Wohnung mit einer Tafel im Esszimmer. Niemand musste fünf Stunden sitzen und der Unterricht war individuell und interaktiv. Trotzdem schafften alle Kinder dieses Jahr die Versetzungsprüfung, die durch den Staat Bulgarien angefordert wurde. Meistens kann man als Volunteer für anderthalb bis zwei Stunden in die Stadt, wenn nicht soviel los ist und beaufsichtigt die Kinder vor allem am Nachmittag, wenn alle zusammen rausgehen und im Park spielen. Da die Schule von acht bis halb sieben geöffnet ist, sind die Komm- und Gehzeiten sehr unterschiedlich. Wir nehmen meistens die Busse um 08:30, 09:30 oder 10:30 und kommen um 17:00 wieder zurück. Die Arbeit mit den Kindern ist anstrengend, auch wegen der fehlenden Autorität und Ordnung, aber am Ende des Tages findet man immer ruhige Minuten, in denen man sich auf seine eigenen Dinge konzentrieren oder einfach mal die Augen zumachen kann. Trotzdem bevorzugen die anderen Volunteers andere Arbeiten, auch, weil es nur geringfügig zum eigentlichen Projekt, dem Unterstützen der Gesellschaft Shipkas gehört.

Natürlich ist jedes Projekt dabei sehr unterschiedlich, aber in unserem Dorf gibt es beispielsweise noch eine andere Voluteeringstation, die ähnliche Teilbereiche betreuen. In anderen Projekten, beispielsweise einem Journalismusprojekt in Kazanlak, sehen die Aufgaben vollkommen anders aus.

Über ESC und die anderen Volunteers

Ein Highlight der ESC-Erfahrung ist definitv das „Arrival-Camp“, wo sich die Freiwilligen eines Landes zusammenfinden und eine Woche die Köpfe zusammenstecken.

Dieses Jahr waren wir untergebracht in dem „Balkan Hotel“ in Sofia, was eher nicht meiner Vorstellung einer Konferenzunterkunft entsprach: Es war eines der prestigeträchtigsten Hotels in ganz Bulgarien. Zwar kann man diesen Luxus nicht unbedingt erwarten – Laut meiner Betreuerin war es das erste Mal, dass die Volunteers so untergebracht wurden- aber es ist doch schön, das mal erwähnt zu haben.

Wir haben von 9:30 bis 18:00 über allerlei Dinge gesprochen, Spiele gespielt und uns miteinander bekannt gemacht. Ein großes Netzwerk aus internationalen, aufgeschlossenen Leuten zu kreieren ist definitiv eine Hoffnung von Vielen, denn es bedeutet nicht nur neue Freunde und viel Spaß, sondern auch die Möglichkeit, zu Reisen und viel über fremde Kulturen zu erfahren. Dafür haben uns vor allem die Nächte gedient, sodass wir im Endeffekt alle nicht viel geschlafen haben.

Um eine Vorstellung von dem Projekt zu bekommen, habe ich mich entschieden, einen kleinen repräsentativen Arbeitsablauf zu schreiben:

- Ich stehe morgens um etwa sieben oder acht auf, je nachdem, ob ich an diesem Tag in die Schule gehe oder wann ich am Abend davor eingeschlafen bin

- Ich lerne Bulgarisch oder mache etwas Kreatives, bevor der Tag losgeht, zum Beispiel Zeichnen oder Schreiben

- Ich mache mir eine To-Do-Liste für den Tag, da wir im Grunde selber entscheiden, wie er aussehen soll. Meistens arbeiten wir aber an einem Tag nur in einem Teilbereich, zum Beispiel dem Garten, dem Museum oder dem Gemeindezentrum.

- Ich gehe mit dem Hund spazieren, füttere Hühner, den Welpen oder alle Katzen oder auch nicht, je nachdem, ob die anderen schneller waren als ich

- Ich frühstücke selbstgemachtes Müsli mit selbstgemachtem Kefir oder Joghurt und selbst eingemachten Kirschen oder selbstgebackenes Brot mit Butter oder Käse

- Um 8:30 beginnt die Schule, um 10:00 der normale Arbeitstag

- Ich arbeite drei bis vier Stunden meine jeweilige To-Do-Liste ab oder erledige Arbeiten, die mir aufgetragen werden

- ich esse zusammen mit den anderen Volunteers und manchmal auch Tanja und Boudicca ein leichtes Mittagessen, zum Beispiel Brot und Butter, Salat aus dem Garten und Reste vom letzten Abendessen

- Ich spiele mit den Tieren oder habe etwas Zeit für mich alleine

- Nach etwa drei Uhr arbeiten wir nochmal bis fünf oder sechs, bevor wir Feierabend machen

- Zwischen fünf und acht male ich, schreibe, lerne bulgarisch, konsumiere leichte Unterhaltung (aka Youtube und Insta), mache evtl. Abendessen, füttere die Tiere oder putze, wenn ich an der Reihe bin oder mache etwas mit den anderen Volunteers.

- Um Acht gibt es Abendessen und danach meistens ein Zusammensitzen bis ca. 11 oder 12 Uhr, manchmal auch mit Gästen. Wir spielen Gesellschaftsspiele, Reden, schauen Filme oder Diskutieren einfach nur. Manchmal haben wir auch Videocalls mit unseren Familien oder anderen Organisationen.

In den 1,5 Monaten, die ich bis jetzt hier war, habe ich mich sehr gut einleben können und beinahe jeden Tag neue Erfahrungen gemacht, die mir geholfen haben, mich besser kennenzulernen. Gerade, dass man hier ohne Eltern lebt und durch ältere Volunteers zwar nicht vollkommen ins kalte Wasser geschmissen, aber dennoch viel von einem abverlangt wird, ist eine einzigartige Erfahrung und ich bin froh, sie noch vor meinem Studium machen zu können. Ich habe das Gefühl, dass die europäische Union mit ESC die Selbstständigkeit und das Gemeinschaftsgefühl in jungen EU-Bürgern fördert und damit zur Erhaltung eines starken und geeinten Europas maßgeblich beiträgt.


Coronavirus und das europäische Solidaritätskorps – Ein persönlicher Bericht

Coronavirus und das europäische Solidaritätskorps – Ein persönlicher Bericht

Eigentlich wollte ich nur Schönes berichten von meinem Freiwilligendienst, den ich seit Anfang Februar und bis Mitte Mai in der kleinen Stadt Dolný Kubín in der Slowakei verrichten sollte. Gern wollte ich von der schönen Natur berichten, den netten Menschen in der Schule, an der ich arbeitete und von dem Zusammenleben in einem Haus mit den anderen Freiwilligen aus Italien, Frankreich und Rumänien.

Doch dann kam, zunächst eher unerwartet, das Corona Virus dazwischen. Erst einmal beunruhigte mich das nicht und auch die anderen sahen keinen Grund zur Aufregung. Bis es plötzlich Anfang März hieß die Schulen werden geschlossen und die Slowakei will sich abschotten und ihre Grenzen schließen. Dies führte dann schließlich doch zu steigender Besorgnis und vielen Fragen. Wie lange wird das anhalten? Wird alles nach zwei Wochen vorbei sein und werden die Grenzen wieder öffnen? Sind wir jetzt in der Slowakei eingesperrt? Was wird jetzt mit meinem Projekt, wenn meine Schule geschlossen ist und wir keine Events mehr planen können? Soll ich hierbleiben und womöglich bis auf ungewisse Zeit oder bis zum Ende meines Projektes im Haus festsitzen?

Bleiben oder gehen?

Es folgten zahlreiche Gespräche und Diskussionen unter uns Freiwilligen, mit anderen Leuten und dem Chef meiner koordinierenden Organisation, Ondrej Mäsiar. Er unterstützte uns dabei zu gehen, wenn wir könnten. Für Tommaso aus Italien war es unmöglich, als er die Botschaft anrief sagten sie ihm nur, dass er das Land in zwanzig Minuten verlassen muss oder sonst nicht mehr nachhause kommt. Auch Thais aus Frankreich konnte wegen der Schließung des Flughafens in Bratislava nicht zurück. Ich selbst war also hin und hergerissen. Mit den anderen hatte ich mich gut angefreundet und so schlimm wäre es auch nicht alles in der Slowakei auszusitzen. Dennoch sah ich noch Möglichkeiten nachhause zu kommen und ich entschied mich dazu lieber bei meiner Familie zu sein. Auch deshalb, weil mein Projekt so kurz war und die Möglichkeit bestehen könnte, dass noch bis April und Mai Grenzschließungen anhalten könnten. Also wenn nicht jetzt, wann dann?

Erster Anlauf über Tschechien

Meinen ersten Versuch nachhause zukommen unternahm ich vergangenen Freitag. Mit dem Zug über Tschechien müsste es doch noch funktionieren, oder? Über Prag nach Dresden ist es ja auch nicht weit. Doch meine Reise endete schnell, als ich nach kurzer Busfahrt von Dolný Kubín in der nahgelegenen Stadt Ružomberok am Bahnhof stand. Theoretisch sollte von dort der Zug direkt nach Prag fahren, doch nun hieß es die Grenze ist zu, keine Züge fahren ins Ausland. Also kehrte ich niedergeschlagen zurück, um meine Kräfte zu sammeln und mich langsam damit abzufinden, doch meine Zeit weiter in der Slowakei zu verbringen. Doch so schnell wollte ich mich auch nicht geschlagen geben.

Also rief ich am nächsten Tag, nach langem Überlegen, die deutsche Botschaft in Bratislava an. Nie hätte ich gedacht mich jemals an eine deutsche Botschaft wenden zu müssen. Doch es war nicht umsonst. Entgegen meiner Erwartungen hatten sie noch eine Idee, um mir zu helfen. Sie rieten mir nach Bratislava zu fahren und dann weiter mit einem Taxi bis an oder über die österreichische Grenze.

Zweiter Versuch über Österreich

Und so begann am nächsten Tag meine abenteuerliche Reis

e zurück nachhause. Früh am Morgen setzte ich mich in den Zug nach Bratislava. Fast menschenleer war der Zug und die Zugbegleiterin war mit Mundschutz und Gummihandschuhen ausgerüstet, was schon ein etwas mulmiges Gefühl verursachte. Doch nach drei Stunden erreichte ich schließlich die slowakische Hauptstadt.

Mein nächstes Problem war es ein Taxi zu finden, doch keines wollte über die Grenze fahren – verständlicherweise. Schließlich fand ich jedoch einen netten Taxifahrer, der mich zumindest nah an die Grenze bringen konnte. Soweit so gut. Kurz vor dem Punkt, bei dem er mich absetzen wollte, fanden wir jedoch einige Polizisten vor, die ihn aufhielten. Doch zum Glück erlaubten sie mir zu Fuß weitergehen zu dürfen. Nun fand ich mich also irgendwo im Nirgendwo wieder, mit schwerem Rucksack und einem großen Koffer bepackt, dazu noch warmer Sonnenschein und Winterjacke. Drei Kilometer bis zur Grenze und noch vierzig Minuten bis der Zug fährt – das schaffe ich.

Zu Fuß über die Grenze

Also machte ich mich auf den Weg über die Landstraße und erreichte so schließlich Kittsee, ein kleines österreichisches Dorf an der Grenze, wo auch direkt der Zug nach Wien auf mich warten sollte. Doch zunächst musste ich noch den Grenzposten passieren, was aber nur ein Problem gewesen wäre, wenn ich von Österreich in die Slowakei gelaufen wäre. Den Gesichtern der österreichischen Beamten zu urteilen, hatte ich auch ein so seltsames Bild abgegeben, dass sie mich nur mit leichtem Grinsen und ohne weitere Kommentare passieren ließen. Somit hatte ich es also geschafft, naja zumindest fast, und war auf dem Weg nach Wien – jetzt konnte nichts mehr schief gehen.

Und tatsächlich war ich sehr überrascht. Die Züge waren leerer, aber immer noch gut gefüllt. Die Mitarbeiter trugen keine Masken und Handschuhe. Und noch seltsamer war – die Zügen fuhren alle pünktlich! Im Zug las ich dann auch, dass am nächsten Tag Deutschland seine Grenzen zu machen sollte, also war ich mehr als froh es noch geschafft zu haben.

Um Mitternacht in Dresden

Dann schließlich endete meine Reise kurz vor Mitternacht desselben Tages zurück in Dresden. Es ist für mich immer noch unfassbar, was sich alles durch diesen Virus verändert. Es gibt immer noch so viele Menschen, die irgendwo festsitzen und es nicht geschafft haben nachhause zu kommen, oder es noch versuchen müssen. Auch interessant war, wie schnell sich meine Gleichgültigkeit und meine Gedanken an übertriebene Panikmache veränderten. Zwar denke ich immer noch, dass viele Menschen übertreiben und sich unnötig von Panik anstecken lassen, dennoch ist es nun umso wichtiger das alle zusammenhalten und möglichst zuhause zu bleiben, damit die Krise sich nicht noch über Monate hinzieht und auch alle Menschen wieder zurück nachhause kommen können.

Ich denke wir können viel aus dieser unberechenbaren und neuen, sich jeden Tag verändernden, Situation lernen und sollten das auch nutzen um darüber nachzudenken, dass vieles was wir für selbstverständlich hielten, nicht immer so ist.

„Schipka, waaaaas?“ – Erste Eindrücke aus Bulgarien

„Schipka, waaaaas?“ – Erste Eindrücke aus Bulgarien

Lea ist über den PJR in ihr ESK nach Bulgarien gereist. Hier sind ihre ersten Eindrücke:

Hallo liebe Freunde !

Ich melde mich zum ersten Mal bei euch und um gleich die wichtigste Frage am Anfang zu klären:

Ja, ich bin gut angekommen!

Am Sonntagabend erreichte ich Sofia und es erwies sich als durchaus nützlich vorher etwas Bulgarisch und das Kyrillische Alphabet gerlernt zu haben.

Am nächsten Tag traf ich meinen spanischen Mitfreiwilligen Dani am Bahnhof Sofias und zusammen hofften wir den 13-Uhr-Zug in Richtung unseren neuen temporären zu Hauses nehmen. Wir hofften vergeblich. Der 13-Uhr-Zug war inexistent, deshalb nahmen wir einfach den nächsten und kamen nach 3,5 Zugfahrt quer durch Bulgarien wohlbehalten an. Am Bahnhof nahmen uns unsere Mitfreiwilligen Mikael (aus Tschechien) und Ophélie (aus Frankreich) in Empfang und führten uns nach Schipka.

Schipka, waaaaas?

Der Name wird euch in nächster Zeit noch öfters begegnen, denn das ist der Ort, wo ich die nächsten 3,5 Monate meines Lebens verbringen werde.

Schipka ist ein 1000-Seelen-Ort mit drei Läden, einer Post, zwei Kirchen (eine schöner als die andere) und bestimmt noch einigen Dingen mehr, die ich erst noch entdecken muss. Schipka ist bekannt für die Entscheidungsschlacht unter der türkischen Besetzung Bulgarien und deshalb ist vielen der Ort selbst eher ein Begriff als die Existenz des Dorfes.

Es mag den ein oder anderen wohl interessieren, wie die ersten Tage in Shipka waren:

Gut!

Mein ebenfalls neuer Mitfreiwillige Dani und ich wurden viel herumgeführt und wir konnten einen ersten Eindruck von Shipka und seiner Umgebung gewinnen. Außerdem lernten wir noch andere Freiwillige des EVS (European Volunteer Service)-Programmes kennen. Zusammen machten wir einen Ausflug zu einem bekannten Thraker-Denkmal in der Gegend, dem Megalit, von dem die Aussicht einfach fantastisch war!

Mein Bulgarisch hat sich als unterirdisch herausgestellt, aber ich arbeite hart dran. Schließlich habe ich den Pons-Sprachkurs nicht umsonst gekauft!

Am Samstag bot sich für mich auch gleich die Chance etwas zu üben bei Shipkas Weinfest. Früh am Morgen gab es schon eine Weinprobe und der beste Wein Shipkas wurde gekürt. Natürlich durften meine Mitfreiwilligen da als Juroren herhalten :D.

Am Nachmittag begann dann das eigentliche Fest, welches mit einer Tanzvorstellung auf dem Dorfplatz endete. Ich hatte sehr viel Spaß an dem Tag und lernte viele Leute aus Shipka selbst etwas kennen. Was soll man sagen, Wein verbindet eben ☺🍷

 

Mit diesen Worten

Наздраве!

Prost!

Das Europäische Solidaritätskorps wird kofinanziert durch das Erasmus+ Programm der Europäischen Union.

Der Herbst ist hier – Neues aus dem Leben des Europäischen Freiwilligen

Der Herbst ist hier – Neues aus dem Leben des Europäischen Freiwilligen

Jetzt ist eine Weile vergangen, seit ich nach Dresden gezogen bin, und in der Zwischenzeit ist viel passiert. Als ich vor zwei Monate meinen ersten Blogbeitrag geschrieben habe, war es draußen grün und bunt. Jetzt hat der Herbst seine gelben und braunen Farben über Dresden gebreitet und der verlängerte Sommer, den ich hier in Dresden bekommen habe, ist vorbei – das Wetter wird zunehmend dänisch, und das ist kein Vorteil.

Tablettour zum Thema Nationalsozialismus in Südvorstadt/Plauen, Dresden mit Schülern von Gymnasium Bühlau

Nicht nur draußen ist viel passiert, sondern auch im Büro. Wir haben vor allem ein 7-tägiges Projekt zum Thema Bombardierung Dresdens mit einer Schulklasse aus Bühlau gehabt. Es nahm viel Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch und ist sehr gut gelungen. Leider konnte ich fast nur zur Vorbereitung dabei sein, da ich letzte Woche mein erstes EFD-Seminar hatte, das Einführungsseminar in Weimar. Eine Stadt, wie ich herausfand, mit unglaublich vielfältiger Geschichte und Kultur. Von Goethe über Bauhaus bis zum Nationalsozialismus – alle haben sie ihre Spuren in der idyllischen Stadt hinterlassen.

Zeit für ein Bild auf der Brücke vor dem Stadtschloss während unsere „Entdeckt Weimar“-Stadttour

Die Tage waren vollgepackt mit der Möglichkeit neue Leute kennenzulernen, an Workshops teilzunehmen, kulturellen Austausch zu erleben und noch vielem mehr. Wenn 20 Leute mit so vielen unterschiedlichen Fähigkeiten aus Ländern sowohl innerhalb als außerhalb Europas Grenzen zusammenkommen, ergibt sich eine tolle Chance sich selbst herausfordern zu lassen und Neues zu lernen. Es war eine intensive Woche, wo ich viel Inspiration aus anderen Projekten und von Freiwilligen kriegte, und wo neue Möglichkeiten für Zusammenarbeit entstanden.

Jetzt bin ich wieder zurück in Dresden mit großer Motivation neue Projekte und Aufgaben anzugehen. Draußen verlieren die Bäume mehr und mehr ihr Laubkleid, während der Winter sich nähert.

Der Europäische Solidaritätskorps wird durch Mittel von Erasmus+ finanziert.

Rückblick auf ein Jahr EFD beim PJR – Teil 2

Rückblick auf ein Jahr EFD beim PJR – Teil 2

Das Jahr 2019 begann für mich in Dresden mit einem Blick auf die gesamte Stadt und die Feuerwerke. Im Büro standen Anfang Januar organisatorische Aufgaben für die Jugendbegegnung „Where do I belong“ an, eine trinationale Veranstaltung für Teilnehmende aus Ukraine, Deutschland und Spanien. Ich war von diesem Projekt sehr begeistert, da ich niemals eine riesige Begegnung von Anfang an mitorganisiert hatte, obwohl ich schon als Betreur und Workshop-Teamer in anderen Projekten mitgemacht hatte. Da ich bisher eher DIY- und kleine Veranstaltungen organisiert hatte, war dieses große europäische Projekt schon eine Lernerfahrung. Auch wenn es dabei viel neues für mich gab, habe ich mich niemals wirklich überfordet gefühlt, da wir immer im Team arbeiteten und ich die nötige Unterstützung hatte. Besonders cool war es, sich bestimmte Lernenziele selber zu setzen und sie zu erfüllen. Großes Beispiel: Finanzen sind eine von meinen Schwächen und ich hatte die Möglichkeit, mit Begleitung meines Tutors Finanzpläne zu erarbeiten oder ein Budget zu erstellen. Als Co-Betreurin kam Franca, an deren Auswahl ich beteiligt war, schon im Januar dazu und wir haben gemeinsam den Plan für den erste Teil in März gestaltet.

[cmsms_heading type=“h4″ font_weight=“400″ font_style=“normal“ text_align=“default“ target=“self“ margin_top=“0″ margin_bottom=“20″ animation_delay=“0″]Mid-Term-Meeting & Planungen für die Jugendbegegnung[/cmsms_heading]

In Januar hatte ich auch mein Midterm-Treffen, ein zweites Seminar, das alle EFDler*innen mitmachen müssen. Ich bin aufgrund des Seminares eine Woche nach Hamburg gereist und die Eindrücke der Straßen voller Schnee, den roten Gebäuden, den Punk Shows und dem Hafen sind in meinen Kopf geblieben. Bei dem Seminar hatte ich auch die Möglichkeit, andere Freiwillige wieder zu sehen und Pläne für künftige Besuche zu basteln. Es war auch schön, eine Woche Dresden zu verlassen, ein change of scenery zu genießen.

Die nächste Monate hatten als Hauptpunkt die internationale Begegnung. Wir haben im Februar ein Vorbereitungstreffen mit den Betruer*innen der drei Länder organisiert und gemeinsam weiter an der Planung und Durchführung gearbeitet. Das Thema der Begegnung war Identität auf einer individuellen und kollektiven Ebene. In Dresden sollte es um eine praktische Einführung in das Thema gehen und auch um die Prägung, die Identität im Leben unterdrückter Menschen hatte. Eine große Rolle spielte auch die Auseinandersetzung mit Fragen der Identität in Bezug zu Nation, Zugehörigkeit, Staatsangehörigkeit und Kultur. Politische und gesellschaftige Konflikte, die mit Identität zu tun hatten – das wollten wir auch alles thematisieren! Ihr könnt mehr von der Begegnung „Where do I belong“ hier und hier erfahren.

[cmsms_heading type=“h4″ font_weight=“400″ font_style=“normal“ text_align=“default“ target=“self“ margin_top=“0″ margin_bottom=“20″ animation_delay=“0″]Besuch aus und in Spanien[/cmsms_heading]

Nach dem ersten Teil der Begegnung in Dresden habe ich eine Woche Urlaub genommen und einen schönen Besucht in Dresden begrüßt: meinen Vater! Zusammen haben wir gentrifizierte Kieze in Berlin entdeckt, viele Picknicks an der Elbe mit Fotoshooting unter Kirschbäumen spontan organisiert und viel Kaffee in Prag getrunken, vielleicht weil die Stadt zu schön war und eine Woche für drei Städte nicht so gut reicht, wenn man auch schlafen will. April war ich nicht so oft im Büro, da die Osterwoche kam und ich am Ende des Monats nach Spanien geflogen bin, um Freunde zu besuchen und an der spanischen Parlamentswahl teilzunehmen. Es war eine entscheidende Wahl für Spanien, mit interessanten Ergebnissen für ein Land, in dem Koallitionspolitik nicht so üblich ist. Die Sozialdemokraten PSOE haben eine gute Position bekommen, die konservative Rechtspartei PP hat das schlimmste Ergebnis ihrer Geschichte eingefahren, die nationalpopulistische Partei Vox ist im Parlament vertreten… Auf jeden Fall eine interessante Zeit!

(Bilder von einem Wochenende in Polen: Veganes Frühstück in einer anarchistischen Bücherei und selbstorganisierter Kunst Workshop an der Universität Poznan)

Die Frühlingsmonate waren wärmer und die Tage länger, ein perfekter Moment, um in Dresden neue Wanderrouten in der Sächsischen Schweiz zu laufen und den Sonnenuntergang an der Elbe zu sehen, ein Mate in der Hand. Was für eine schönes Leben! Die Vorbereitung für den zweiten Tag der Begegnung ging los. Gleichzeitig habe ich eine Gedenkfahrt nach Lidice mitorganisiert und als Co-Teamer in Wahlworkshops mitgemacht. Dank dieser Workshops habe ich viel über Politik in Deutschland gelernt und das System besser verstanden. In Mai und Juni habe ich auch Besuche bekommen und alles, von einer CSD-Party bis zum einen Picknick in Breslau, war irgendwie voller Licht und Sommerfarben.

(Blumen und Wanderroute in Katalonien)

(Sonnenuntergang am Spree in Berlin)

Während meines Freiwilligensjahres in Dresden habe ich auch über viele Fragen und Ideen für meine Zukunft nachgedacht. Sollte ich zurück nach Leipzig? Oder lieber doch in Dresden bleiben? Vielleicht ein neues Leben in Berlin starten, oder doch nach Hamburg umzuziehen… Am Ende war die Entscheidung ziemlich einfach: ich bin in Dresden geblieben! Da der PJR e.V. mir sehr am Herzen liegt, werde ich sicherlich ehrenahmtlich aktiv bleiben. Dann ist dieser Text keine Verabschiedung, sondern einfach ein kleines „Bis dann!“. „Decir adiós“, oder meine direkte wörtliche Übersetzung in Deutsch, „Tschüssi sagen“. Bis bald!

Der Europäische Freiwilligendienst wird durch Mittel von Erasmus+ finanziert.