Der “European Solidarity Corps” oder bis 2016 der “European Voluntary Service” wurde von der Europäischen Kommission ins Leben gerufen, um jungen Erwachsenen zwischen 18 und 30 Jahren die Möglichkeit zu geben, Europa kennenzulernen und ihren Teil zur Entwicklung einer für sie wünschenswerten Gesellschaft beizutragen. Nicht nur 27 politisch europäische Länder, sondern auch vier Nachbarländer auf dem europäischen Kontinent bieten ihrer und ausländischer Jugend aus Europa die Möglichkeit an, intereuropäische Erfahrungen im sozialen, ökologischen, kulturellem oder politischen Bereich zu sammeln.
Zu vergleichen sind diese Projekte mit dem “Freiwilligen sozialem/ kulturellem/ ökologischem Jahr”, der deutschlandweit von verschiedensten Institutionen angeboten wird, sowohl bezüglich der behandelnden Themen, als auch der Arbeitszeiten, Anforderungen, Dauer und finanziellen Entschädigung. Dagegen ist der “ESC” international von der EU unterstützt, das “FSJ” regional und überregional von Deutschland.
Ich bewarb mich 2021 nach meinem Abitur bei verschiedenen Angeboten auf der ESC- Webseite, vor allem bei sozialen und ökologischen Projekten in Ländern mit slavischer Sprache. Hauptgründe für diese Entscheidung waren vor allem das Interesse, neue Sprachen zu lernen und Kulturen zu erleben. Schnell baute sich der Kontakt zu mehreren Organisationen auf, unter anderem zu der NGO “Building a community” in Shipka, in der Mitte Bulgariens. Letzten Endes überzeugte mich bei beiden Skype-Vorstellungsgesprächen das Engagement und die Dynamik der kleinen Freiwilligengruppe und knapp einen Monat später fuhr ich nach Bulgarien.
Dinge, auf die man sich beim ESC verlassen kann:
- Legitimierte Organisationen
- Finanzielle Unterstützung oder gesamte Übernahme aller Kosten
- Chancengleichheit für verschiedenste Nationalitäten, Geschlechter und Persönlichkeiten
Dinge, auf die man bei der Wahl des Projektes achten sollte:
- Persönliche Präferenzen und Ziele
- Zeitraum und Ort
- Gruppendynamik (Schließlich wird man die nächsten Monate dort arbeiten oder sogar wohnen)
Unterstützung in Vorbereitung und einen deutschen Ansprechpartner fand ich in der Organisation “PJR Dresden”, die schon öfter mit besagter Organisation zusammengearbeitet haben.
Als ich nach 27 Stunden Busfahrt in Sofia ankam, hatte ich erst einmal einen halben Nervenzusammenbruch, da es im gesamten Bahnhof kein Internet gab, niemand Englisch sprach und ich keine Ahnung hatte, wo und wann der nächste Zug nach Kazanlak abfahren würde, aber nach einer Pizza und dem gefundenen Bahnsteig (Sofias Hauptbahnhof hat nur ungefähr ein Dutzend Gleise, also war es nicht ganz so beängstigend wie zum Beispiel in Deutschland) war es wieder einigermaßen okay. Ich hatte mich bewusst für ein ökologischeres und längeres Transportmittel als den Bus entschieden, denn ich wollte mehr von Europa sehen, die Entfernung wertschätzen und umweltschonender Reisen.
Für die Hinfahrt:
- Welcher Zeitraum, welches Verkehrsmittel, welcher Preis? (Die Europäische Union übernimmt einen gewissen Teil bis zu einem bestimmten Betrag, ich musste aber dennoch draufzahlen)
- Womit wirst du die Reise im Land fortsetzen? Ich für meinen Teil würde im Nachhinein, wenn man die Sprache nicht spricht, empfehlen, sich vorher schlau zu machen oder einige Sätze aufzuschreiben, um meine Situation zu vermeiden
- Eventuell wäre es schlau, Geld in der jeweiligen Landeswährung mitzunehmen, wenn dieses nicht den Euro etabliert hat.
Meine persönliche Packliste (Im Nachhinein):
- Klamotten: Für ca. eine Woche an die jeweiligen Bedingungen angepasst, evtl. Sport-, Schlaf- und Ausgehsachen, allerdings muss es wirklich nicht mehr sein als ein Outfit pro Situation, 2 Handtücher und ein Set Bettwäsche
- Elektronik: Handy, Ladekabel, Kopfhörer, Laptop
- Bücher: Nein (Ich habe bis jetzt noch kein einziges von meinen gelesen)
- Hygiene: Ich benutzte hier nur Shampoo, Seife, Zahnpasta und – bürste, Haarbürste, Menstruationstasse und Deo. Also keine Schminke, Pflegeprodukte o.ä.
- Sonstiges: Keine Erinnerungen (schau ich mir eher nicht an), Wanderzeug (weil meine Mitvolunteers gerne wandern gehen und das für Festivals super praktisch ist)
- Gastgeschenke: VIEL (sagen meine Mitvolunteers), eine Süßigkeit pro Person + ein Gesellschaftsspiel (sage ich)
Reiserucksack mit Powerbank, Handy, Kopfhörer, Zahnbürste, Essen (hauptsächlich Schokolade) und Trinken
Zuerst empfand ich die ungewohnte Situation als erschreckend und einschüchternd. Es war Abend, als ich endlich in Schipka ankam und es war überwältigend komisch und neu, zum Beispiel gab es keine Heizung, alle aßen draußen und das Toilettenpapier wurde kompostiert statt ins Klo geschmissen (hört sich eklig an, geht aber voll klar). In diesem Projekt lebe ich mit der Leiterin Tanja, ihrer achtjährigen Tochter Boudicca, den Haustieren Sara, der Hündin und Monkey und Shara, den Katzen und den Volunteers Tami, Majá und Hugo in einem Haus. Aufgaben sind unter anderem, in Boudiccas Schule auszuhelfen, den Selbstversorgergarten zu betreuen und im Gemeindehaus und Museum in Shipka verschiedenste Arbeiten zu erledigen. Zusätzlich kümmern sich alle Bewohner des Hauses um die Tiere und um den Haushalt, gehen Einkaufen und Kochen abwechselnd. Nach etwa zwei Wochen fühlte ich mich einigermaßen angekommen und fing an, die Zeit richtig zu genießen.
Über das Museum und das Gemeindehaus
Im Gemeindehaus und im Museum vollbringen wir hauptsächlich Renovierungsarbeiten, pflegen die angrenzenden Gärten oder helfen, Ausstellungen vorzubereiten. Letzens haben wir zusammen Seife gekocht und theoretisch gibt es neben dem Museum ein angrenzendes Café, was wir betreuen könnten, aber dafür gibt es momentan nicht genügend Volunteers. Manchmal gibt es wochenlang keine Arbeiten in den Institutionen und dann ist man eine oder zwei Wochen täglich dort, um Dinge zu erledigen. Erst letztens hatte das Gemeindehaus 160-jähriges Jubiläum und wir haben Wochen damit zugebracht, alles auf Vordermann zu bringen.
Über den Haushalt
Schwieriges Thema, gerade, weil wir mit der Betreuerin in einem Haus leben. Sie ist der Meinung, wir tun zu wenig, aber wir sind das nicht. Zwischen einem Volunteer und ihr gab es sogar mal eine richtige Fehde deswegen, aber das hat sich einigermaßen geklärt. Die Aufgaben sind eingeteilt in Badezimmer, Küche, Esszimmer und Wohnzimmer, weil wir eine relativ große Unterkunft haben, jeder hat sein eigenes Zimmer, das ist nicht zwangsläufig normal in anderen Projekten.
Über die Tiere
Wie gesagt hatten wir von Anfang an einen Hund und zwei Katzen, die eigentlich Tanjas Verantwortung waren, aber eigentlich macht jeder gleich viel für sie, weil sie als Koordinatorin meistens von morgens bis abends Termine hat. Wir füttern sie morgens und abends, mit dem Hund gehen wir zweimal pro Tag Gassi.
Weiteren Zuwachs bekamen wir schon in meiner zweiten Woche durch 10 Hühner, die allerdings jetzt nur noch sieben sind (das ist normal bei so kleinen Dingern aus eher semioptimaler Haltung [sagt Hugo]). Morgens um fünf müssen sie aus dem Stall und abends wieder rein, dazu zwei Fütterungen pro Tag.
In meiner fünften Woche fand ich einen Welpen auf der Straße und brachte ihn mit nach Hause. Für ihn sind es nochmal zwei Fütterungen pro Tag plus Spielzeit plus sehr viele Arztbesuche zur Behandlung von Krätze und den notwendigen Impfungen plus Suche nach einer neuen, beständigen Familie.
Ein paar Tage nach dem Welpen kam ein Kätzchen zu uns, das offenbar seine beste Freundin war und mit dem Welpen in seiner Hundehütte schläft. Füttern müssen wir sie trotzdem separat.
Dazu kommt das Kochen des Essens für Hunde und Katzen (wir geben ihnen abwechselnd Trockenfutter und gekochtes Huhn mit Reis) und die emotionale Aufmerksamkeit für alle Tiere.
Allein die Tiere können also schon einige Stunden in Anspruch nehmen.
Über den Garten:
Mindestens ein- bis zweimal die Woche müssen wir im Garten arbeiten, Unkraut jäten, Gemüse und Obst pflanzen, Mulch verteilen, Gießen, Kompost betreuen (vor allem den “Hot compost”), neue Beete aus Brennesselfeldern herausschlagen, Gemüse und Obst ernten und Beete nach Benutzung begrünen. Dabei lernen wir viel über das Gleichgewicht der Natur, Permakultur, die Essbarkeit und Bedürfnisse vieler verschiedener Pflanzen, die biochemischen Reaktionen der Umwelt und dass man immer eine Hose mit dreckigen Knien haben wird. Es ist vor allem mit der Sonne im Nacken keine sehr angenehme, aber dafür sehr ertragreiche Arbeit. Nicht nur sitzt man am Ende des Tages mitten in einem blühenden Paradies, man isst dabei auch noch frische Kirschen, Maulbeeren, verschiedenste Salate, Tomaten, Spargel, Möhren, Kartoffeln, Äpfel, Nüsse, Beeren, Gurken und vieles mehr frisch vom Baum/ Strauch/ Feld.
Über die Grundschule:
Als ich das erste Mal in die Schule kam, musste ich fast weinen, weil der Unterschied zwischen den “normalen Schulen” und dieser so gigantisch war: Es waren insgesamt zwölf Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren in einer großzügigen, offenen Wohnung mit einer Tafel im Esszimmer. Niemand musste fünf Stunden sitzen und der Unterricht war individuell und interaktiv. Trotzdem schafften alle Kinder dieses Jahr die Versetzungsprüfung, die durch den Staat Bulgarien angefordert wurde. Meistens kann man als Volunteer für anderthalb bis zwei Stunden in die Stadt, wenn nicht soviel los ist und beaufsichtigt die Kinder vor allem am Nachmittag, wenn alle zusammen rausgehen und im Park spielen. Da die Schule von acht bis halb sieben geöffnet ist, sind die Komm- und Gehzeiten sehr unterschiedlich. Wir nehmen meistens die Busse um 08:30, 09:30 oder 10:30 und kommen um 17:00 wieder zurück. Die Arbeit mit den Kindern ist anstrengend, auch wegen der fehlenden Autorität und Ordnung, aber am Ende des Tages findet man immer ruhige Minuten, in denen man sich auf seine eigenen Dinge konzentrieren oder einfach mal die Augen zumachen kann. Trotzdem bevorzugen die anderen Volunteers andere Arbeiten, auch, weil es nur geringfügig zum eigentlichen Projekt, dem Unterstützen der Gesellschaft Shipkas gehört.
Natürlich ist jedes Projekt dabei sehr unterschiedlich, aber in unserem Dorf gibt es beispielsweise noch eine andere Voluteeringstation, die ähnliche Teilbereiche betreuen. In anderen Projekten, beispielsweise einem Journalismusprojekt in Kazanlak, sehen die Aufgaben vollkommen anders aus.
Über ESC und die anderen Volunteers
Ein Highlight der ESC-Erfahrung ist definitv das „Arrival-Camp“, wo sich die Freiwilligen eines Landes zusammenfinden und eine Woche die Köpfe zusammenstecken.
Dieses Jahr waren wir untergebracht in dem „Balkan Hotel“ in Sofia, was eher nicht meiner Vorstellung einer Konferenzunterkunft entsprach: Es war eines der prestigeträchtigsten Hotels in ganz Bulgarien. Zwar kann man diesen Luxus nicht unbedingt erwarten – Laut meiner Betreuerin war es das erste Mal, dass die Volunteers so untergebracht wurden- aber es ist doch schön, das mal erwähnt zu haben.
Wir haben von 9:30 bis 18:00 über allerlei Dinge gesprochen, Spiele gespielt und uns miteinander bekannt gemacht. Ein großes Netzwerk aus internationalen, aufgeschlossenen Leuten zu kreieren ist definitiv eine Hoffnung von Vielen, denn es bedeutet nicht nur neue Freunde und viel Spaß, sondern auch die Möglichkeit, zu Reisen und viel über fremde Kulturen zu erfahren. Dafür haben uns vor allem die Nächte gedient, sodass wir im Endeffekt alle nicht viel geschlafen haben.
Um eine Vorstellung von dem Projekt zu bekommen, habe ich mich entschieden, einen kleinen repräsentativen Arbeitsablauf zu schreiben:
- Ich stehe morgens um etwa sieben oder acht auf, je nachdem, ob ich an diesem Tag in die Schule gehe oder wann ich am Abend davor eingeschlafen bin
- Ich lerne Bulgarisch oder mache etwas Kreatives, bevor der Tag losgeht, zum Beispiel Zeichnen oder Schreiben
- Ich mache mir eine To-Do-Liste für den Tag, da wir im Grunde selber entscheiden, wie er aussehen soll. Meistens arbeiten wir aber an einem Tag nur in einem Teilbereich, zum Beispiel dem Garten, dem Museum oder dem Gemeindezentrum.
- Ich gehe mit dem Hund spazieren, füttere Hühner, den Welpen oder alle Katzen oder auch nicht, je nachdem, ob die anderen schneller waren als ich
- Ich frühstücke selbstgemachtes Müsli mit selbstgemachtem Kefir oder Joghurt und selbst eingemachten Kirschen oder selbstgebackenes Brot mit Butter oder Käse
- Um 8:30 beginnt die Schule, um 10:00 der normale Arbeitstag
- Ich arbeite drei bis vier Stunden meine jeweilige To-Do-Liste ab oder erledige Arbeiten, die mir aufgetragen werden
- ich esse zusammen mit den anderen Volunteers und manchmal auch Tanja und Boudicca ein leichtes Mittagessen, zum Beispiel Brot und Butter, Salat aus dem Garten und Reste vom letzten Abendessen
- Ich spiele mit den Tieren oder habe etwas Zeit für mich alleine
- Nach etwa drei Uhr arbeiten wir nochmal bis fünf oder sechs, bevor wir Feierabend machen
- Zwischen fünf und acht male ich, schreibe, lerne bulgarisch, konsumiere leichte Unterhaltung (aka Youtube und Insta), mache evtl. Abendessen, füttere die Tiere oder putze, wenn ich an der Reihe bin oder mache etwas mit den anderen Volunteers.
- Um Acht gibt es Abendessen und danach meistens ein Zusammensitzen bis ca. 11 oder 12 Uhr, manchmal auch mit Gästen. Wir spielen Gesellschaftsspiele, Reden, schauen Filme oder Diskutieren einfach nur. Manchmal haben wir auch Videocalls mit unseren Familien oder anderen Organisationen.
In den 1,5 Monaten, die ich bis jetzt hier war, habe ich mich sehr gut einleben können und beinahe jeden Tag neue Erfahrungen gemacht, die mir geholfen haben, mich besser kennenzulernen. Gerade, dass man hier ohne Eltern lebt und durch ältere Volunteers zwar nicht vollkommen ins kalte Wasser geschmissen, aber dennoch viel von einem abverlangt wird, ist eine einzigartige Erfahrung und ich bin froh, sie noch vor meinem Studium machen zu können. Ich habe das Gefühl, dass die europäische Union mit ESC die Selbstständigkeit und das Gemeinschaftsgefühl in jungen EU-Bürgern fördert und damit zur Erhaltung eines starken und geeinten Europas maßgeblich beiträgt.
Seit einem Monat bin ich hier in Dresden beim PJR, und ich muss sagen, ich könnte nicht glücklicher sein. Hier habe ich das Gefühl, dass ich den Raum habe, kreativ zu sein und meine Ideen frei zu entwickeln und auszudrücken. Außerdem ist es immer wieder toll, mit gutherzigen und freundlichen Menschen arbeiten zu können, die einen ermutigen.
Besonders bewundere ich die wöchentlichen Teamsitzungen und die Zeit, die wir uns nehmen, um zu überprüfen, wie es allen geht. Das zeigt, wie wichtig unser Wohlergehen ist, was in jedem Arbeitsumfeld stets berücksichtigt werden sollte.
Mit dem Team und anderen Freiwilligen habe ich bereits an einigen Aktivitäten mit Kindern und Jugendlichen teilgenommen, wie z.B. an dem Projekt der Schülerzeitung, am Klassenrat und und am Menschenrechte-Workshop. Die Teilnehmenden waren alle sehr nett (manchmal ein bisschen wild, aber das liegt in der Natur eines jungen Menschen).
Es ist ein tolles Gefühl, Teil dieser Aktivitäten zu sein, weil ich dazu beitragen und helfen kann, und wenn man in der Lage ist das Interesse eines Kindes zu wecken, zeigt sich das! Sie werden aufgeregt und am Ende haben alle Spaß und lernen etwas Neues über das Thema, über andere oder über sich selbst. Ich kann es kaum erwarten an anderen Projekten, wie dem Filmclub, teilzunehmen.
Ich weiß, dass die Dinge wegen des Corona-Virus etwas schwieriger werden, aber diese Veranstaltungen sind wichtig, damit junge Menschen Erfahrungen machen und in der Gesellschaft wachsen können, also versuchen wir auch weiter das Beste aus der Situation zu machen!
Ich habe gerade einen Platz für mein viel zu großes Gepäck gefunden, als sich die Räder langsam in Bewegung setzen und der Zug aus dem Bahnhof fährt. Ich ergattere einen Fensterplatz und sehe, dass draußen die Goldene Stunde läuft, wo der Himmel diese verblasste hellblaue Farbe bekommt. Wir sind schnell aus der Stadt raus, und hier öffnet sich die Landschaft mit bald erntereifen Feldern und kleinen Dörfern, worüber ab und zu Kirchtürme ragen. Im Westen nur abendgraue Wolken - kein orangeroter Sonnenuntergang, der das Bild vollendet hätte. Nach einem Jahr in Dresden als Freiwilliger beim PJR sitze ich jetzt in einem Zug Richtung Kopenhagen mit gemischter Laune. Der Zug gleitet durch die Landschaft in einen Wald hinein und die Welt draußen wird plötzlich von einem grünen Waldwirrwarr verschlungen.
Ich mag Zugfahrten. Für mich sind sie eine Art Unterbrechung des realen Lebens. Es herrscht eine gewisse Stimmung, die Freiraum schafft, Gedanken laufen zu lassen. Die Vorfreude erwartender Erlebnisse zu genießen oder in der Melancholie durchlebter Begegnungen zu schwelgen. Das sind Gefühle, die ich mit Zugfahrten verbinde. Ich spüre gerade beides. Es gibt viele Leute, auf deren Wiedersehen ich mich freue, gleichzeitig ist eine Zeit zu Ende gegangen, die ich sehr schätze, und ich verlasse Menschen und Gemeinschaften, die ich sehr gern mit mir nehmen würde.
Aber was bringe ich denn mit mir außer meinen überfüllten Rucksack?
Na, ein Bilderbuch. Ein paar Pflänzchen. Und ein Füller ist auch dabei.
Das Bilderbuch habe ich vom PJR-Team bekommen. Es ist mit guten Erinnerungen von Workshops, Projekttagen und schöne Momenten vollgepackt. Insbesondere European Stories // Geschichten aus Europa war ein Projekt, von dem ich viel mitnehme, aber durch das Jahr habe ich bei vielseitigen Projekten tolle Erfahrungen gesammelt und viele liebe Leute kennengelernt.
Die Pflänzchen habe ich im Laufe des Jahres bekommen, und wenn ich sie gieße und nicht sterben lasse, dann werden sie in meinem Zimmer stehen und mich an wichtige Freundschaften erinnern, die ich bewahren will.
Den Füller habe ich von meiner WG als Abschiedsgeschenk bekommen, und mit ihm kann ich sehr viel anfangen. Ein Ziel fürs nächste Jahr ist meiner Lust zu Schreiben auch Zeit zu geben, und ich bin gespannt darauf, dieses Interesse mehr zu fördern. Meine Zeit im PJR hat aber in mir auch den Wunsch geweckt, mich weiterhin im Bereich politische und demokratische Bildung zu engagieren, und das werde ich auf jeden Fall auch verfolgen.
Draußen ist es hell geworden und der Zug kommt am Kopenhagen Hauptbahnhof an - ich gucke aus dem Fenster und... nee Quatsch. Das wäre viel zu harmonisch. Ein paar Tage sind vergangen, ich sitze an meinem Schreibtisch, schreibe fertig und lese Korrektur.
In den letzten Tagen ist mir aufgefallen wie komisch es ist, ein Jahr in einer Stadt zu sein, tolle Menschen kennenzulernen, sich in einem Verein zu engagieren und dann alles wieder zu verlassen.
Wer macht denn sowas freiwillig?
Ich bin sehr froh, dass ich ein Jahr in Dresden und im PJR erleben konnte. Jetzt wartet eine neue Stadt mit neuen Erlebnissen und Begegnungen auf mich. Tschüss Dresden, PJR und alle euch tolle Menschen - ich freue mich euch bald wieder zu besuchen.
Mit Koffer, Motivation und Vorfreude kam ich am 01.09.19 nach Paris und bemerkte schnell, dass meine 4-Jahre Französischunterricht kaum etwas gebracht hatten. 🙂
Aber eins nach dem anderen, wie kam ich nach Paris?
Wie es bei vielen Abiturienten der Fall war, wusste auch ich nicht, welchen Weg ich nach meinem Abschluss schlagen sollte und entschied mich deswegen eine kleine „Pause“ zu nehmen. Durch Zufall las ich ich einem AOK-Magazin (ich weiß, richtig komisch eigentlich) etwas über Erasmus+ und wurde neugierig und fand dann auch schnell das ESC, European Solidarity Corps. Dies ist ein Programm, das jungen EU-Bürger/-innen die Möglichkeit gibt innerhalb der EU einen Freiwilligendienst zu machen. Das Projekt, das mich am meisten interessierte, liegt in der Nähe von Paris, (die Stadt der Liebe und des Lichts) und umfasst die Arbeit mit Kindern. Zwei Dinge, die ich unglaublich liebe! Die Bewerbung ging relativ schnell und einfach, ein Skype-Interview und nach zwei Wochen eine endgültige Zusage.
Meine Organisation heißt APJC (Association pour les jeunes et la culture) und bietet verschiedene Aktivitäten, Events und Programme für allerlei Altersgruppen an, hauptsächlich aber für Teenager und Kinder zwischen 8 bis 16 Jahren. Man arbeitet hier wie ein Vollzeitarbeiter, somit 35h/Woche und fünf mal die Woche.
Escape Rooms und Manga-Abende
Ich arbeitete ausschließlich mit Kindern und Teenagern. Wenn die Kinder Schule haben, arbeite ich von Dienstag bis Samstag. Da helfe ich drei mal die Woche bei den Hausaufgaben. Einmal die Woche gibt es Aktivitäten mit Kindern, da basteln wir zusammen z.B. für Halloween und Weihnachten oder entwerfen ein Stop-Motion Kurzfilm uvm.
An Samstagen gibt es Programme für Teenager, da gibt es unglaublich viele unterschiedliche Aktivitäten, wie z.B. Museumsbesuch, Kochen, Fahrradtour, Kinobesuch, uvm.
Wenn die Kinder aber Ferien haben, arbeite ich von Montag bis Freitag und hier gibt es ausschließlich nur Programme für Teenager, was auch ganz unglaublich vielfältig ist, wie z.B. Escape-Room, Manga-Abend, Open-Mic uvm.
Ich wohne in Rosny-sous-bois, ein „banlieu“ 20min von Paris entfernt, in einem voll ausgestattetem großen Haus (WiFi, zwei Badezimmer, zwei WC, Kochutensilien, in Prinzip alles was man fürs Leben braucht) und mit eigenem mobilisiertem Zimmer. Es leben hier noch 4 weitere Europäer/-innen und hier habe ich das Glück unglaublich sympathische Mitbewohner zu haben! Man bekommt auch monatlich genug Geld und die Reisetickets werden auch bezahlt!
Von Kindern lernen
Ich habe Frankreich ausgesucht, um mein Französisch zu verbessern und ich dachte mir, die beste Methode die Sprache zu lernen, ist sicherlich dort zu leben. Am allerbesten ist es, wie ich schnell herausfand, mit Kindern! Denn ihnen ist es komplett egal wie schlecht du die Sprache sprichst und helfen dir gerne! Das Schulfranzösisch hat mir persönlich nicht viel geholfen, deswegen war es gelegentlich sehr frustrierend nicht in der Lage zu sein, sich richtig auszudrücken. Dennoch ist es unglaublich vorteilhaft Vorkenntnisse zu besitzen, damit du dich nicht komplett „verloren“ fühlst.
Das Solidaritätskorps erfordert Kontaktfreudigkeit, Offenheit für Neues und man muss in der Lage sein Eigeninitiative zu ergreifen, denn deine Einsatzstelle wird dich nicht immer beschäftigen oder Aufgaben geben können. Im Gegenzug lernst du Verantwortung zu übernehmen, dein eigenes Geld zu verwalten und dich um dich selbst zu kümmern. Natürlich bekommst man ausreichend Möglichkeit sein Französisch zu verbessern und die französische Kultur zu entdecken.
Vor einer Woche bin ich jetzt von Deutschland wieder nach Frankreich zurück gekommen, wegen der Coronakrise war ich für einige Zeit wieder bei mir zuhause. Mir bleiben nun zwei Monate bis zum Ende meines Freiwilligendiensts und ich bereue rückblickend gewiss nicht, dass ich mich hier beworben habe.
Ich konnte hier unglaubliche Leute kennenlernen, zu denen ich auch nach dem Programm Kontakt halten möchte. Das Alleineleben, das erste Mal weg von den Eltern, erlaubte es mir noch autonomer und selbständiger zu sein. Die Arbeiten mit Kinder, war ebenso lehrreich, sie können gelegentlich nervig und frech sein, aber tief drinnen sind das wohl die unschuldigsten Wesen auf Erden.
Ich möchte auch betonen, dass wir als EU-Bürger/-innen die Möglichkeit haben, dank ESC kostenlos für ein Jahr in einem anderen EU-Land zu leben, das findet man nirgendwo sonst auf dieser Welt.
Ich hoffe, dass ich euer Interesse wecken und einen grober Einblick geben konnte, wie euer Freiwilligendienst im ESC aussehen könnte! Ich bedanke mich auch hier beim Politischen Jugendring Dresden, der dieses tolle Programme unterstützt und mich hier entsandt hat! Sie waren für mich immer bei Fragen da gewesen und leisten eine unglaublich gute Arbeit. Vielen Dank!
Eigentlich wollte ich nur Schönes berichten von meinem Freiwilligendienst, den ich seit Anfang Februar und bis Mitte Mai in der kleinen Stadt Dolný Kubín in der Slowakei verrichten sollte. Gern wollte ich von der schönen Natur berichten, den netten Menschen in der Schule, an der ich arbeitete und von dem Zusammenleben in einem Haus mit den anderen Freiwilligen aus Italien, Frankreich und Rumänien.
Doch dann kam, zunächst eher unerwartet, das Corona Virus dazwischen. Erst einmal beunruhigte mich das nicht und auch die anderen sahen keinen Grund zur Aufregung. Bis es plötzlich Anfang März hieß die Schulen werden geschlossen und die Slowakei will sich abschotten und ihre Grenzen schließen. Dies führte dann schließlich doch zu steigender Besorgnis und vielen Fragen. Wie lange wird das anhalten? Wird alles nach zwei Wochen vorbei sein und werden die Grenzen wieder öffnen? Sind wir jetzt in der Slowakei eingesperrt? Was wird jetzt mit meinem Projekt, wenn meine Schule geschlossen ist und wir keine Events mehr planen können? Soll ich hierbleiben und womöglich bis auf ungewisse Zeit oder bis zum Ende meines Projektes im Haus festsitzen?
Bleiben oder gehen?
Es folgten zahlreiche Gespräche und Diskussionen unter uns Freiwilligen, mit anderen Leuten und dem Chef meiner koordinierenden Organisation, Ondrej Mäsiar. Er unterstützte uns dabei zu gehen, wenn wir könnten. Für Tommaso aus Italien war es unmöglich, als er die Botschaft anrief sagten sie ihm nur, dass er das Land in zwanzig Minuten verlassen muss oder sonst nicht mehr nachhause kommt. Auch Thais aus Frankreich konnte wegen der Schließung des Flughafens in Bratislava nicht zurück. Ich selbst war also hin und hergerissen. Mit den anderen hatte ich mich gut angefreundet und so schlimm wäre es auch nicht alles in der Slowakei auszusitzen. Dennoch sah ich noch Möglichkeiten nachhause zu kommen und ich entschied mich dazu lieber bei meiner Familie zu sein. Auch deshalb, weil mein Projekt so kurz war und die Möglichkeit bestehen könnte, dass noch bis April und Mai Grenzschließungen anhalten könnten. Also wenn nicht jetzt, wann dann?
Erster Anlauf über Tschechien
Meinen ersten Versuch nachhause zukommen unternahm ich vergangenen Freitag. Mit dem Zug über Tschechien müsste es doch noch funktionieren, oder? Über Prag nach Dresden ist es ja auch nicht weit. Doch meine Reise endete schnell, als ich nach kurzer Busfahrt von Dolný Kubín in der nahgelegenen Stadt Ružomberok am Bahnhof stand. Theoretisch sollte von dort der Zug direkt nach Prag fahren, doch nun hieß es die Grenze ist zu, keine Züge fahren ins Ausland. Also kehrte ich niedergeschlagen zurück, um meine Kräfte zu sammeln und mich langsam damit abzufinden, doch meine Zeit weiter in der Slowakei zu verbringen. Doch so schnell wollte ich mich auch nicht geschlagen geben.
Also rief ich am nächsten Tag, nach langem Überlegen, die deutsche Botschaft in Bratislava an. Nie hätte ich gedacht mich jemals an eine deutsche Botschaft wenden zu müssen. Doch es war nicht umsonst. Entgegen meiner Erwartungen hatten sie noch eine Idee, um mir zu helfen. Sie rieten mir nach Bratislava zu fahren und dann weiter mit einem Taxi bis an oder über die österreichische Grenze.
Zweiter Versuch über Österreich
Und so begann am nächsten Tag meine abenteuerliche Reis
e zurück nachhause. Früh am Morgen setzte ich mich in den Zug nach Bratislava. Fast menschenleer war der Zug und die Zugbegleiterin war mit Mundschutz und Gummihandschuhen ausgerüstet, was schon ein etwas mulmiges Gefühl verursachte. Doch nach drei Stunden erreichte ich schließlich die slowakische Hauptstadt.
Mein nächstes Problem war es ein Taxi zu finden, doch keines wollte über die Grenze fahren – verständlicherweise. Schließlich fand ich jedoch einen netten Taxifahrer, der mich zumindest nah an die Grenze bringen konnte. Soweit so gut. Kurz vor dem Punkt, bei dem er mich absetzen wollte, fanden wir jedoch einige Polizisten vor, die ihn aufhielten. Doch zum Glück erlaubten sie mir zu Fuß weitergehen zu dürfen. Nun fand ich mich also irgendwo im Nirgendwo wieder, mit schwerem Rucksack und einem großen Koffer bepackt, dazu noch warmer Sonnenschein und Winterjacke. Drei Kilometer bis zur Grenze und noch vierzig Minuten bis der Zug fährt – das schaffe ich.
Zu Fuß über die Grenze
Also machte ich mich auf den Weg über die Landstraße und erreichte so schließlich Kittsee, ein kleines österreichisches Dorf an der Grenze, wo auch direkt der Zug nach Wien auf mich warten sollte. Doch zunächst musste ich noch den Grenzposten passieren, was aber nur ein Problem gewesen wäre, wenn ich von Österreich in die Slowakei gelaufen wäre. Den Gesichtern der österreichischen Beamten zu urteilen, hatte ich auch ein so seltsames Bild abgegeben, dass sie mich nur mit leichtem Grinsen und ohne weitere Kommentare passieren ließen. Somit hatte ich es also geschafft, naja zumindest fast, und war auf dem Weg nach Wien – jetzt konnte nichts mehr schief gehen.
Und tatsächlich war ich sehr überrascht. Die Züge waren leerer, aber immer noch gut gefüllt. Die Mitarbeiter trugen keine Masken und Handschuhe. Und noch seltsamer war – die Zügen fuhren alle pünktlich! Im Zug las ich dann auch, dass am nächsten Tag Deutschland seine Grenzen zu machen sollte, also war ich mehr als froh es noch geschafft zu haben.
Um Mitternacht in Dresden
Dann schließlich endete meine Reise kurz vor Mitternacht desselben Tages zurück in Dresden. Es ist für mich immer noch unfassbar, was sich alles durch diesen Virus verändert. Es gibt immer noch so viele Menschen, die irgendwo festsitzen und es nicht geschafft haben nachhause zu kommen, oder es noch versuchen müssen. Auch interessant war, wie schnell sich meine Gleichgültigkeit und meine Gedanken an übertriebene Panikmache veränderten. Zwar denke ich immer noch, dass viele Menschen übertreiben und sich unnötig von Panik anstecken lassen, dennoch ist es nun umso wichtiger das alle zusammenhalten und möglichst zuhause zu bleiben, damit die Krise sich nicht noch über Monate hinzieht und auch alle Menschen wieder zurück nachhause kommen können.
Ich denke wir können viel aus dieser unberechenbaren und neuen, sich jeden Tag verändernden, Situation lernen und sollten das auch nutzen um darüber nachzudenken, dass vieles was wir für selbstverständlich hielten, nicht immer so ist.